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Bio-Anbauverbände: Da gibt es doch auch „Gute“?

Die Bio-Anbauverbände (Bioland, Demeter, Naturland und Co) werben damit, noch viel strengere Kriterien anzulegen als die EU-Bio-Richtlinie. Der Konsument*in wird suggeriert, dass es sich bei diesen Siegeln nochmal um eine ganz andere Kategorie handelt als "nur" EU-Bio. Dabei geht es auch hier nur um lächerliche Veränderungen.

Das zeigen eindrucksvoll folgende Aufnahmen aus mehreren Bioland-Betrieben, die Animal Rights Watch 2016 veröffentlichte.

Haltung

Es gibt – unabhängig vom Biosiegel – tatsächlich Ausnahmehöfe, bei denen die Haltung augenscheinlich als in Ordnung erscheint. Aber auch die Demeter- oder Naturland-Siegel verhindern Betriebe mit katastrophaler Haltung nicht. Sobald Menschen mit Tieren Geld verdienen, geht das zu Lasten des Tieres. Zudem sind Beobachtungen wie „Kühe auf der Weide“ oder „Henne mit vollständigem Gefieder auf der Wiese“ oftmals nur Momentaufnahmen und/oder Teilaspekte des gesamten Leidensweges. Das die Tiere deshalb „ein gutes Leben“ hätten und glücklich seien, kann daraus nicht geschlussfolgert werden.

Die Regel ist (auch bei Bio), dass nur die Kühe auf der Weide sind, die gerade ein paar Wochen pro Jahr nicht gemolken werden. Etwa ein Viertel aller ökologisch gehaltenen Milchkühe lebt sogar in tierquälerischer Anbindehaltung (Quelle: Statistisches Bundesamt). Auch bei Demeter der Weideauslauf nicht Vorschrift. Die Demeter-Richtlinie besteht bei genauem Hinsehen oft aus weichen Soll-Vorschriften (statt harten Muss-Vorschriften) und Grundsätzen, von denen dann Abweichungen erlaubt werden. Typischer Fall: "Das Haltungssystem soll den Tieren freien Kontakt mit ihrer natürlichen Umwelt (Sonne, Regen, Erdboden, u.a.) gewähren. Dies soll insbesondere durch Weidegang, zumindest aber Auslauf erfolgen." (Demeter-Richtlinien, Stand 2016, Abschnitt 5.4). Heißt: Statt einer Weide tut's auch ein abgegrenzter Bereich auf dem Beton direkt am Stall. Wohlklingende Absichten können eben unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht lange über dem ökonomisch Machbaren liegen, das die überprüf- und durchsetzbaren Mindeststandards definiert.

Auch voll befiederte „Legehennen“ auf der Wiese ändern nichts daran, dass sie erheblich unter der Qualzucht leiden, fast täglich unter Schmerzen ein Ei legen zu müssen (natürlich wären ein bis zwei Gelege mit circa 10 Eiern pro Jahr). Es ändert nichts daran, dass auch dort im Schnitt 10 % der Hennen im jugendlichen Alter haltungsbedingt sterben, bevor sie – ebenfalls noch im jugendlichen Alter – im Schlachthof getötet werden. Auch den täglichen Stress wegen der viel zu großen Gruppen sieht man den Hennen oftmals nicht an. Ein befiedertes Huhn auf der Wiese bedeutet also noch lange nicht, dass es glücklich ist.

Keine systematische Lösung

Es sind nur sehr kleine Betriebe, die im Verhältnis zu ihrer Tierzahl sehr viel Fläche benötigen, bei denen diese Ausnahmesituationen der augenscheinlichen „guten Haltung“ vorzufinden ist. Das System „Idyllhof“ stellt daher keine Alternative dar, um den Menschen flächendeckend tierische Produkte zur Verfügung zu stellen. Und zwar auch dann nicht, wenn etwas weniger konsumiert würde (der berühmte Sonntagsbraten): größenordnungsmäßig müsste man z.B. den Fleischkonsum schon auf wenige Tage im Jahr beschränken. Durch den exorbitanten Preis solcher Produkte wäre ferner die Folge, dass sie einer privilegierten Oberschicht vorbehalten blieben.

Grausamkeiten am Tier unabhängig von der Haltungsform

Auch abgesehen vom Platzangebot und der Ausgestaltung der Ställe werden den Tieren erhebliche Leiden zugefügt. Die „Bio-Milchkühe„ zum Beispiel, die mitunter augenscheinlich „glücklich grasend“ auf der Weide stehen, müssen jährlich ein Kalb zur Welt bringen, um überhaupt Milch zu produzieren. Dafür werden die Tiere zwangsbesamt und Kuh und Kalb (je nach Biosiegel mal früher, mal später) getrennt. Dies ist für Mutter und Kind ein schwer traumatisierendes Ereignis. Man hört die Tiere oft tagelang nach einander rufen. Für die Kühe bedeutet das außerdem, dass sie die meiste Zeit ihres geschlechtsreifen Lebens gleichzeitig Milch geben und schwanger sind. Nach einigen Jahren des Kindergebärens sind sie ausgelaugt und „unproduktiv“ und werden weit vor ihrem natürlichen Tode geschlachtet. Auch die überzähligen Kälber werden nach kurzer Mast geschlachtet. Ohne diese Massentötungen ist Milchherstellung nicht möglich.

Auch in der Bio-Eierindustrie werden die männlichen Küken größtenteils direkt nach dem Schlüpfen getötet, da sie ökonomisch wertlos sind. Alle Versuche, Hybridrassen systematisch einzusetzen, scheitern – Versuche, es anders zu machen, setzen sich aus ökonomischen Gründen nicht durch. Bemühungen, diese Hähne zu mästen, werden zwar pressewirksam immer wieder in Szene gesetzt, in der Praxis bleiben dies aber Einzelfälle zur Imagepflege der Legehennenhalter.

Die Tötung

Was immer auch nach einem noch so vermeintlich glücklichen Leben folgt, ist die Tötung des Tieres. Das ist zum einen ein ethisches Problem an sich: Es gibt genügend praktikable, sehr gesunde, schmackhafte Alternativen, sich anders zu ernähren – man tötet also leidensfähige Tiere zur Erzeugung eines Luxusgutes. Zum anderen ist die Schlachtung als solche überaus grausam. Bioschlachtungen unterscheiden sich beim eigentlichen Schlachtvorgang nicht von den konventionellen Tötungsmethoden – lediglich in der Weiterverarbeitung nach der Tötung fordern die Biosiegel verschiedene zu erfüllende Kriterien.(... mehr Details zur Schlachtung)

Beispiele: Bioland, Demeter und Naturland

  • Für “Mastschweine“ und “Masthühner“, “Legehennen“ und “Milchkühe“ sind die Vorgaben von Bioland und Naturland, was das Platzangebot angeht, identisch mit den EG-Öko-Vorschriften. Auch die Hühner, die für Bioland und Naturland Eier legen, teilen sich zu sechst einen Quadratmeter Stallfläche und haben Anspruch auf 4 qm Außenfläche pro Huhn. Auch die maximalen Besatzgrößen pro Stallbereich für “Legehennen“ (3.000) und “Masthühner“ (4.800) sind identisch mit den EG-Öko-Vorgaben. Und “Bio-Milchkühe“, einschließlich Bioland und Naturland, haben in Boxenlaufställen 6 qm und dann nochmal 4,5 qm Außenfläche zur Verfügung - im Vergleich zu 4,5 qm für konventionelle Kühe.

  • Der anthroposophische Anbauverband Demeter, der sich nach Mondphasen richtet und in Bioläden das Image hat, die Perfektion von „bio“ zu sein, gestattet nach wie vor die Anbindehaltung von Rindern. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die EU-Bio-Richtline spätestens ab 2014 keine Anbindehaltung mehr zulässt – mit Ausnahme der Rinderhaltung in „kleinen Betrieben“. Damit werden beispielsweise Tausende Betriebe in Bayern davor bewahrt, in den Umbau ihrer Ställe zu investieren. Was zum Schutz einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft sinnvoll erscheint, zeigt ein weiteres Mal die Prioritätensetzung auch bei „bio“: Es geht um den Menschen und seine Ökonomie, nicht um die Tiere. Und es zeigt, dass der tierfreundliche kleine Bauernhof von nebenan nicht nur eine Illusion ist, sondern manchmal sogar noch weniger Auflagen erfüllen muss als sein agrarindustrieller Kollege.

  • Wiesengold war 2013 Deutschlands größter Bio-Eier-Produzent. Das Unternehmen gehörte zum Verband Naturland. Nach eigenen Angaben vermarktete Wiesengold jährlich über 150 Millionen Bio-Eier, also im Schnitt über 400.000 pro Tag. Für das Unternehmen leben circa eine halbe Million Hühner an etwa 30 Standorten in Gefangenschaft. Im Herbst 2012 veröffentlichte das ARD-Magazin Fakt Aufnahmen von Animal Rights Watch (damals noch die Tierfreunde e.V.) aus dem Stammbetrieb des Geschäftsführers Heinrich Tiemann, die die Hühner der Anlage in desolatem Zustand zeigen. Zunächst sprachen Wiesengold und Naturland von einem bedauerlichen Einzelfall wegen einer Erkrankung der Tiere. Eine Woche darauf veröffentlichte PETA ähnliche Bilder aus einer anderen Anlage des Konzerns. In Erklärungsnot geraten, hat Naturland Wiesengold-Anlagen die Mitgliedschaft gekündigt. Ende 2013 wurde die Firma aufgelöst.

    Dass erst Tierrechtsrecherchen zu diesen Schritten geführt haben, zeigt nicht die Kontrollfähigkeit und Selbstheilungskraft des Systems. Naturland hat all diese Betriebe auch vorher schon regelmäßig "kontrolliert". Die Bilder aus den Betrieben zeigen, wie Bio-Legehühner im Normalfall nach ein bis anderthalb Jahren Legemarathon in normalgroßen Bio-"Herden" (3000 Tiere) aussehen. Nicht die erschreckenden Zustände sind der Einzelfall, sondern dass wegen des öffentlichen Aufsehens medienwirksam einige der Anlagen aus dem Verband ausgeschlossen wurden.

Resümee

Die Suche nach der heilen Tierhaltungs-Welt wird immer verrückter. Systematisch ausgeblendet werden Schlachtung, Zwangsschwängerung, Kindesraub, Verzüchtung, Freiheitsentzug und permanentes Ausgeliefertsein. Fühlende Wesen werden zwangsläufig zu nichts weiter als Waren für menschliche Märkte degradiert – ob demeter, bio oder konventionell. Die Suche nach dem Ausnahmebetrieb, bei dem man in einer Momentaufnahme vermeintlich glückliche Tiere sieht, dient der Beruhigung des Gewissens aller Fleischesser, Milchtrinker und Eierkonsumenten. So können sich alle weiterhin einreden, dass ihre Tierprodukte schon nicht so grausam hergestellt wurden. Denn: man kennt ja seine Fleischereifachverkäuferin persönlich.

 
 

Der Biobauer
Die Tierliebe der Biobauern




Bioschweinemast
Bioschweinemast




Biokühe im Biostall
Biokühe im Biostall




Naturland-Hühner
Naturland-Hühner, etwa 1 Jahr alt




Naturland-Huhn
Naturland-Huhn, etwa 1 Jahr alt




Naturland-Huhn
Naturland-Huhn, kurz darauf
(in einem kleinen Bioladen)


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